Arm und glücklich? Oder: Warum die wachsende Ungleichheit ein gutes Leben verhindert

Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen: das war lange Zeit ein "linkes" Nischenthema. Wenn überhaupt, dann kam diese Ungleichheit, zumal die stetig wachsende, in den Armutsberichten zum Beispiel des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor und stieß regelmäßig auf fast schon ritualisierte Abwehrreaktionen. Armut in Deutschland, einem der reichsten Länder auf diesem Erdball? Das war doch wohl eine arge Übertreibung - verglichen mit Zuständen in "wirklich armen" Gegenden Afrikas oder Asiens.

Mittlerweile scheint aus dem einstigen Tabu-Thema ein "Dauerbrenner" zu werden - in Wissenschaft und Medien gleichermaßen. Einige wenige Indizien für diese These:

  • Die umfangreiche empirische Untersuchung "Das Kapital im 21. Jahrhundert" von Thomas Piketty (2013 in Frankreich herausgekommen, 2014 erschien die deutsche Fassung) ist eines der meist diskutierten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre.(1)
  • Im angelsächsischen Raum hat die Debatte über die wachsende Ungleichheit eine längere Tradition. Das Buch des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften Joseph Stiglitz ("Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft", Originaltitel: "The Great Divide", die deutsche Fassung ist im September 2015 erschienen) ist hierfür nur ein prominentes Beispiel.
  • Mit seinem Anfang 2016 erschienenen Buch "Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird" hat erstmals auch ein prominenter deutscher Ökonom, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in die Ungleichheitsdebatte eingegriffen und gleich an einer "ewigen Wahrheit" gerüttelt: dass nämlich die Erhard'sche "Soziale Marktwirtschaft" diese Debatte für immer erledigt habe.

Dass eine solche Umorientierung auch mediale Wellen schlagen würde, ist klar. Der SPIEGEL-Titel im März 2016 "Die geteilte Nation. Deutschland 2016: Reich wird reicher, arm bleibt arm" war noch ein einigermaßen erwartbar. Wenn aber auch eine linker Tendenzen unverdächtige Zeitung wie die FAZ in ihrem Wirtschaftsteil eine eigenständige Rubrik unter dem Titel "Arm und reich" einrichtet, dann scheint hier doch einiges aus den Fugen geraten zu sein.

Oder positiv gewendet: An der Tatsache, dass die materielle Ungleichheit wächst, in Deutschland und global, kommt heute niemand mehr vorbei. Fraglich ist jedoch, welche Konsequenzen aus dieser Einsicht folgen. Einig sind sich die Protagonisten der Debatte noch weitgehend, dass die wachsende Ungleichheit große Risiken für die Gesellschaft birgt (wachsende soziale Spaltung und Zementierung schon vorhandener Chancenungleichheiten) und im Plädoyer für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands. Im politischen Raum schlägt sich diese Debatte in der neuen Aktualität von Vorschlägen für Steuerreformen (Stichwort: Erbschafts- und Vermögenssteuer, Anhebung der Spitzensteuersätze) nieder, aber auch in weiterreichenden Konzepten wie dem des bedingungslosen Grundeinkommens. 

Und gerade die Debatte um die Notwendigkeit bzw. die Ausgestaltung eines solchen Grundeinkommens ist die Verbindung zum Thema "gutes Leben". Denn ein solches Grundeinkommen wäre Garant dafür, dass zumindest die "Basisbedürfnisse", ohne die ein solches gutes Leben nicht möglich sind, angemessen befriedigt werden können. Klar dürfte sein: Eine Gesellschaft, die sich das "gute Leben" zur Leitidee macht, wird auf Dauer nicht mit Einkommens- und Vermögensungleichheiten vereinbar sein, wie wir sie derzeit in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern, aber auch in den aufstrebenden BRICS-Staaten und in den eher armen Ländern der sog. Dritten Welt vorfinden.

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Anmerkungen und Literaturhinweise

(1) Vgl. z.B. die Diskussionen dazu auf der Website verteilungsfrage.org.

Bundesarbeitskammer / Österreichischer  Gewerkschaftsbund (Hrsg.): Die Verteilungsfrage. Von Reichtum, Krisen  und Ablenkungsmanövern, Wien 2016

Stefan Sell: Warum Armut uns allen schadet. Einige Gedanken aus volkswirtschaftlicher Sicht. Vortrag beim Armutskongress 2016, 7.7.2016