Mobilität für alle: „Diese Freiheit gönn' ich mir!“?

Mobilität ist für moderne Industriegesellschaften eine unerlässliche Voraussetzung, ein elementarer Bestandteil ihres Funktionierens. Im Alltagsleben ist sie notwendig, manchmal erzwungen, jedenfalls unumgänglich: der Weg zum Arbeitsplatz muss zurückgelegt werden, die Kinder müssen in die Kita, die Jugendlichen in die Schule. Auch das Einkaufen, ob für den täglichen Speiseplan, für Kleidung, Möbel, Hobbys oder Freizeit, wird noch längst nicht komplett online erledigt.  Und wenn doch, dann müssen nicht die Einkaufenden, wohl aber die Lieferanten entsprechende Wege bewältigen.

In modernen Gesellschaften, in denen die verschiedenen Lebensbereiche zumeist räumlich getrennt und deshalb mehr oder weniger weit entfernt voneinander sind, entsteht so Verkehr, viel Verkehr, immer mehr Verkehr. Denn, das zeigen die entsprechenden empirischen Untersuchungen, die Wege, die dabei zurückgelegt werden, werden immer länger, die Zahl der Wege pro Tag hingegen ist weitgehend gleich geblieben.[1] Und dies gilt nicht nur für den Alltag, die berufs- und lebensbedingten Notwendigkeiten, sondern noch viel stärker für das „Reich der Freiheit“, für Freizeit und Urlaub. Und in der Tat sind ja die heutigen Möglichkeiten, fremde Länder und Kulturen kennen zu lernen, die Option, den eigenen Horizont zu erweitern, wirklich zu begrüßen.

Doch die Realität sieht oft genug so aus: Übers Wochenende zum Skifahren in die Berge, ein Kurzurlaub auf Mallorca, zum Shopping schnell mal nach London -  alles kein Problem (zumindest für diejenigen, die sich das finanziell leisten können). Wir steigen dafür in den SUV oder gleich ins Flugzeug. Diese Freiheit, diesen kleinen Luxus sollte man sich doch gönnen dürfen. Und ist nicht gerade das Fliegen ein uralter Menschheitstraum, der endlich in Erfüllung gegangen ist? Im Grunde unverzichtbar für ein gutes Leben, oder nicht?

Wenn da nicht diese ewigen Miesmacher wären, die uns ständig an Stickoxide und Feinstaub, CO2-Ausstoß und Klimawandel, Flächenverbrauch für Straßen und Parkplätze, zunehmenden Lärm hinweisen und uns ein schlechtes Gewissen einreden wollen. Aber in der Tat ist es so: Der Verkehr, vor allem in seiner motorisiert abgewickelten Form, hat sich mittlerweile zu einem unserer größten Umwelt- und Gesundheitsprobleme entwickelt.[2]

Damit stecken wir bereits mitten in einer hoch emotionalen und wohl auch bewusst emotionalisierten Debatte. Wenn es um seine Mobilität geht, tut sich der deutsche Verkehrsteilnehmer, besondere der automobile, sehr schwer mit rationalen Argumenten und noch schwerer mit der Akzeptanz von möglichen Einschränkungen. Da steht sehr schnell seine „Freiheit“ [3] auf dem Spiel.

Freiheit wird dann meist so buchstabiert: als Freiheit, so schnell fahren zu dürfen wie man will; als Freiheit, für sein Auto überall einen Parkplatz zu finden; als Freiheit, auch für zeitlich und räumlich kürzeste Reisen das nachgewiesenermaßen klimaschädlichste Verkehrsmittel Flugzeug[4] zu nutzen.

Und wer mehr oder zumeist weniger radikale Vorschläge macht, hier regulierend einzugreifen, um zumindest die schlimmsten Auswüchse zu vermeiden, wird sich schnell den Vorwurf einhandeln, ein Freiheitsfeind zu sein oder – mindestens genauso schlimm – einer „Verbotspartei“ anzuhängen.

Zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit verdeutlichen das. Zum einen die (zum wievielten Mal eigentlich?) wieder aktuelle Debatte über ein Tempolimit auf den bundesdeutschen Autobahnen, um den Schadstoffausstoß und tödliche Verkehrsunfälle zu reduzieren. In einer Welt, in der es außer in Deutschland so gut wie überall (Ausnahmen sind: Afghanistan, Somalia und Burkina Faso…) eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, nannte Verkehrsminister Andreas Scheuer Vorschläge einer von seinem eigenen Ministerium eingesetzten Expertenkommission, die auch ein solches Tempolimit beinhalteten, „gegen jeden Menschenverstand“ und „unverantwortliche Gedankenspielereien“. Doch darüber muss man sich bei einem Minister, der sich bevorzugt mit Vertretern der Auto-Lobby trifft, natürlich nicht wundern.[5]

Das andere Beispiel betrifft die weiterhin steigende Zahl der Flüge. Während in Ländern wie Schweden die „Flugscham“ grassiert und sich dort eine Bewusstseinsänderung anzubahnen scheint[6], sieht es in Deutschland noch ganz anders aus. Dies musste jüngst der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek feststellen, der sehr vorsichtig die keineswegs radikale „Idee“ eines Mobilitätsforschers zur Debatte stellte, die Zahl der Flugpaare pro Bürger*in auf drei im Jahr zu begrenzen. Der danach über ihn hereinbrechende shit-storm war heftig: „Verbotspartei“, „Bevormundung“, „Belehrung“, „Gängelung“  schallte ihm vom politischen Gegner und der Springer-Presse (und nicht nur von dort) entgegen.[7] Dass auch der eigene Parteifreund und stellvertretende Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, sofort einen Rückzieher machte und davon sprach, dies seien „interessante intellektuelle Gedankenspiele, aber keine praktikablen Ansätze“[8], macht deutlich, wie weit wir in Deutschland noch von einer auch nur ansatzweise rationalen Diskussion über die umweltverträgliche Bewältigung durchaus nachvollziehbarer Mobilitätswünsche entfernt sind.

Der Appell an die Vernunft der Einzelnen und die Hoffnung auf eine „freiwillige“ Veränderung der Mobilitätsgewohnheiten wird nicht ausreichen. Das jedenfalls zeigt schon ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Mobilitätsdaten in den vergangenen Jahren. Ohne andere und neue Regeln, ohne Ge- und Verbote wird sich eine Änderung aber nicht erreichen lassen. In anderen Bereichen war dies auch möglich – man denke nur an das FCKW-Verbot Anfang der neunziger Jahre oder die derzeit anlaufende Welle von Verboten, mit denen die zunehmenden Plastik-Vermüllung des Planeten eingedämmt werden soll. Warum sollte Ähnliches nicht auch für Verkehr und Mobilität funktionieren? Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die in sehr vieler Hinsicht „reguliert“ ist, die ohne diese Ver- und Gebote gar nicht funktionieren könnte.

Es sind wohl zwei Faktoren, die entgegenstehen und die entsprechend „behandelt“ werden müssten. Zum einen ein eher psychologischer Faktor: Die höchst individuelle Gestaltung der eigenen Mobilität scheint ein heute wesentliches Element von Identität zu sein. Für viele ist die Fernreise, gerne und meistens mit dem Flugzeug, heute bereits ein mindestens ebenso wichtiges Statussymbol wie das eigene Auto. Und da will man(n) und wohl auch frau sich nicht gerne hineinreden lassen. Diese psychologische Schranke wird sich nur überwinden lassen, wenn sich andere, umweltverträglichere Mobilitätsangebote genauso positiv besetzen und emotional aufladen lassen. Der Rad-Boom der vergangenen Jahre könnte dafür erste Hinweise liefern.

Der zweite Hemmfaktor ist mindestens ebenso bedeutend und genauso schwierig anzugehen. Das Auto ist – nicht nur in Deutschland – ein Wirtschaftsfaktor erster Güte. Dementsprechend groß sind sein politisches Gewicht und sein direkter und indirekter Einfluss auf politische Entscheidungen. Ähnliches gilt für die Industriezweige, die mit der Förderung und Verarbeitung von Erdöl ihr Geld verdienen. Neben ihrem Lobby-Einfluss haben diese Konzerne über Jahrzehnte hinweg mit viel Geld und intensiven Propagandakampagnen versucht, den Zusammenhang von Klimawandel und steigender CO2-Konzentration zu leugnen und alle diesbezüglichen politischen Anstrengungen zu verhindern und zu diskreditieren.[9] Ob dies in naher Zukunft anders wird und schnell und energisch genug umgesteuert wird, bleibt offen und abzuwarten.

Immerhin scheint sich auch in der breiteren Öffentlichkeit die Einsicht durchzusetzen, dass bei Verkehr und Mobilität die „Systemfrage“ gestellt werden muss, wenn man zu einem menschen- und umweltgerechten Verkehrssystem kommen will.[10]

Demnächst auf unserem Portal weitere Beiträge zu diesem Themenbereich:

Mobilität für alle (Teil 2): Verkehrswende – geht doch!

Mobilität für alle (Teil 3): Irrwege und Sackgassen


[1] Vgl. dazu die seit Jahren regelmäßig durchgeführten empirischen Untersuchungen zur „Mobilität in Deutschland“. Die Ergebnisse der jüngsten Studie sind gut aufbereitet zu finden auf der entsprechenden Website

[2] Vgl. als Überblick: Umweltbelastungen durch Verkehr. In: umweltbundesamt.de, 19.10.2018

[3] Dass sich hier ein höchst eigentümlicher Freiheitsbegriff offenbart, sei nur am Rande angemerkt. Freiheit wird hier verstanden als unbegrenzt und völlig undeterminiert, von keinerlei Verpflichtung „eingehegt“. Es handelt sich mithin um einen höchst individualistischen und egoistischen Freiheitsbegriff, der von den ökologischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Freiheit völlig absieht und so negiert, dass echte Freiheit immer erst dann realisiert wird, wenn es sich um die Freiheit aller handelt. Vgl. dazu ausführlich Tom Strohschneider: Tempolimit als Gängelung? Die Freiheit, die sie meinen. In: oxiblog.de, 27.01.2019. Ähnlich argumentiert Rainer Erlinger: Streng genommen. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 70, 23./24.03.2019, S. 49

[4] Vgl. die Übersicht des Umweltbundesamtes „Vergleich der durchschnittlichen Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr – Bezugsjahr 2017

[5] Vgl. dazu zusammenfassend Markus Balser: Streit ums Tempolimit – Verkehrsminister Scheuer handelt unverantwortlich. In: suedeutsche.de, 21.01.2019. Im vergangenen Jahr hat sich Scheuer 15 Mal mit Vertretern der Autoindustrie und deren Verbänden getroffen und kein einziges Mal mit Umweltverbänden, wie eine entsprechende Anfrage des grünen MdB Sven-Christian Kindler ergab. Vgl. dazu „Andreas Scheuer ist Minister der Autolobby“. In: zeit.de, 16.03.2019

[6] Vgl. z.B. „Klimaschutz in Schweden – Die Scham fliegt mit“. In: deutschlandfunk.de, 21.11.2018

[7] Vgl. dazu zusammenfassend Boris Rosenkranz: Ein Grüner und ein „sehr interessanter Vorschlag“: Chronik einer Empörung. In: Über Medien, 12.03.2019.   Das ursprüngliche Interview führte der Münchner Merkur.

[8] Zitiert nach: „Grünen-Politiker fordert: Deutsche sollen nur noch dreimal im Jahr fliegen“. In: epochtimes.de, 11.03.2019

[9] Vgl. z.B. Maximilian Probst/Daniel Pelletier: Der Krieg gegen die Wahrheit. In: zeit.de, 10.12.2017; Jeremy Deaton: The Truth Behind The Kochs’ New Fossil Fuel PR Campaign. In: thinkprogress.org, 08.09.2016

[10] Markus Balser: Vor der Systemfrage. In: sueddeutsche.de, 26.03.2019