Sharing Economy: Geteiltes Leben ist gutes Leben?

„Teilen macht glücklich“, „Sharing is caring“, „Nutzen statt besitzen“, „Teilen ist das neue Haben“ – so und ähnlich lauten die Mottos für einen neuen Trend, der sich als wesentlicher Teil eines guten Lebens erweisen könnte. Und ganz so neu ist dieser Trend auch wieder nicht, wusste doch schon Erich Fromm, dass das Sein dem bloßen Haben vorzuziehen ist. Wenn aber heute immer mehr Menschen dieses philosophische Motto ernst zu nehmen scheinen und es ihnen nicht mehr auf den Besitz eines bestimmten Produkts oder Gegenstands ankommt, sondern um den konkreten Nutzen, den sie daraus ziehen können, dann könnte der Gesellschaft, die sich doch wesentlich auf den Besitzindividualismus gründet, eine wesentliche Geschäftsgrundlage (im eigentlichen Sinne des Wortes) wegbrechen. Grund genug, sich etwas ausführlicher mit dem zu befassen, was gemeinhin „Sharing Economy“ genannt wird.

Das Konzept des „gemeinschaftlichen Konsums“ ist einfach: Statt ständig neue Produkte zu kaufen und zu besitzen zu wollen, um ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen,  werden die gewünschten Dinge gemeinsam genutzt, getauscht oder geliehen. Das schont die Umwelt, spart Ressourcen und macht – dank der notwendigen Kommunikation – im besten Fall aus Fremden Freunde. Und so gibt es derzeit einen richtigen Boom in Sachen Car-Sharing, Kleidertauschringe, Couch-Surfing oder Mitfahrdienste – um nur die bekanntesten Formen zu nennen. So werden aus schnelllebigen Ex- und Hopp-Gütern Zirkulationsgüter.

Die Idee des gemeinschaftlichen Konsums scheint also weit mehr als eine kurzlebige Mode zu sein. Die Pioniere dieser Idee (1), die Tauschringe, existieren schon seit etlichen Jahren, allerdings eher in lokalen Nischen, und das ganz bewusst. Denn dort geht es nicht nur um den unmittelbaren Zweck („Biete Schlagbohrmaschine und entsprechende Arbeiten“ – „Suche jemand, der mir einen alten Küchenschrank repariert“), sondern vor allem auch um die Stärkung der örtlichen Gemeinschaft, des sozialen Zusammenhalts. Im Zeitalter des Internets läuft das Teilen mittlerweile vornehmlich über entsprechende Plattformen und Apps. Was die gegenwärtige Lust am Teilen von früheren Formen unterscheidet, ist deshalb die durch das Internet möglich gemachte Quantität, die große Reichweite. 

Zum Beispiel Car-Sharing: Anfang 2017 waren 1.715.000 Teilnehmer bei den etwa 150 deutschen Car-Sharing-Anbietern registriert. Bei stationsbasierten Angeboten waren 455.000 Teilnehmer angemeldet (plus 25.000 gegenüber 2016), bei stationsunabhängigen („free-floating“) Angeboten 1.260.000 Nutzer (plus 430.000). (2)

Zum Beispiel Couch-Surfing: Auf der größten entsprechenden Plattform (couchsurfing.com) gibt es inzwischen über 12 Millionen Mitglieder in über 200.000 Städten auf der ganzen Welt. (3)

Zum Beispiel Deutschland: Jeder zweite Deutsche hat schon einmal Erfahrungen mit alternativen Besitz- und Konsumformen gemacht, jeder vierte Deutsche hat schon einmal selten gebrauchte Gegenstände von anderen Personen gemietet anstatt diese zu kaufen. (4)

Klar ist: Den an der Sharing Economy Teilnehmenden geht es zunächst einmal um den individuellen Nutzen: Teil-, Leih- und Tausch-Angebote sparen Geld, Platz und Zeit. Oder erleichtern es, neue, vielleicht sogar außergewöhnliche Orte und Menschen kennen zu lernen. Schon dies trägt sicher zu einem guten Leben bei. Und noch stärker wird dieser Bezug, wenn ein weiterer Aspekt bedacht wird, der in der Sharing Economy eine starke Rolle spielt: Die Tausch- und Teilkultur trägt zur Einsparung von Ressourcen bei und damit auch zur Eindämmung der Überproduktions- und Wegwerfkultur. Oft stehen auch politische und/oder ökologische Motive hinter den Projekten. Food-Sharing-Communities etwa versuchen eine Antwort auf die allgegenwärtige Lebensmittelverschwendung zu geben. Und Projekte solidarischer Landwirtschaft bringen Produzenten und Konsumenten zusammen zum beiderseitigen Nutzen: Für die einen ist das eine Abnahmegarantie ohne Marktzwang, für die anderen eine vertrauenswürdige Versorgung mit ökologischen und regional angebauten Lebensmitteln.

Alles prima also in der Sharing Economy? So positiv der dahinter stehende Grundgedanke des „Nutzen statt besitzen“ sicherlich ist, so deutlich wird gerade am Beispiel der Sharing Economy, wie sehr und wie schnell  „alternative“ Ideen und Projekte Gefahr laufen, von der herrschenden Ökonomie „aufgesogen“ und zu einem „normalen“, profitorientierten Geschäftsmodell umgewandelt zu werden. So nutzen immer mehr Autokonzerne die Idee des Car-Sharing, um neue Absatzmärkte für ihre Modelle zu schaffen. Car2Go  (von Daimler-Benz betrieben) und DriveNow (von BMW) sind dafür die bekanntesten Beispiele. Und ob damit dem ursprünglichen Ziel des Car-Sharing gedient wird, durch bessere Auslastung für weniger Autos und weniger Autoverkehr zu sorgen, darf bezweifelt werden. Auch das Unternehmen Uber hat aus einer ursprünglich nicht-kommerziellen Teil-Idee, der Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten, eine profitable Geschäftsidee gemacht. Ähnliches gilt für die Wohnungsvermittlung Airbnb, die das nicht-kommerzielle Couch-Surfing zu einer sprudelnden Einnahmequelle (geschätzter Umsatz im Jahr 2016: 1,5 Milliarden Dollar)(5) gemacht hat – und zudem auf diese Weise immer mehr Wohnungen dem „normalen“ Mietmarkt entzieht.

Hier geht es ganz offenbar auch nicht mehr um Beschränkung und Verzicht, sondern eher um das Gegenteil: um die Stimulierung von multioptionalem Konsum für jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort. Auf diese Weise wird der Ressourcenverbrauch eher steigen als sinken. Es lebe der Rebound-Effekt! Zudem spricht einiges für die Befürchtung, dass im sogenannten „Plattformkapitalismus“ das, was in den „alternativen Nischen“ noch aus Empathie und ohne ökonomisches Kalkül betrieben wird, in Zukunft nur noch aus Berechnung und gegen Geld angeboten wird. Die Teil-Gesellschaft in dieser Form wird also Ökonomisierung unserer Gesellschaft eher noch fördern und vorantreiben.

Der gewinnorientierte Teil der Sharing Economy sollte deshalb sehr sorgfältig unterschieden werden von jenem Bereich, der sich am Gemeinwohl und am guten Leben orientiert: an der Freude am gemeinsamen Wirken, wo sozialer Zusammenhalt durch Kooperation und nachhaltige Entwicklung durch Ressourceneffizienz und Umweltentlastung im Vordergrund steht. Denn dieser Teil der Sharing Economy ist von einem echten Wertewandel geprägt. „Food Sharing, Stadtgärten, Mitfahrzentralen, Reparatur-Cafés, Kleidertauschpartys, Nachbarschaftsautos, Recyclingbörsen oder Übergangsnutzungen leer stehender Immobilien sind nun einmal etwas völlig anderes als kommerzielle Buchungsplattformen für Übernachtungs- und Transportmöglichkeiten, frei flottierende Carsharing-Angebote, Geräte- und Werkzeugverleih, Maschinenringe, Coworking Spaces oder Kleider-Flatrates.“(6) Auch wenn die gemeinwohlorientierten Projekte im Augenblick nach wie vor eher Nischencharakter haben, könnten sie doch als Vorbild für eine weiterreichende gesellschaftliche Transformation fungieren. Hier kann ausprobiert werden, was vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft „Mainstream“ sein wird.

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Anmerkungen

(1) Gemeinsamen Nutzungsformen haben auch in Zeiten des Besitzindividualismus eine längere Tradition: aus monetären oder weltanschaulichen Gründen. Weil also der Kauf der jeweiligen Produkte und Güter für den einzelnen unerschwinglich gewesen wäre (das gilt z.B. für Maschinenringe in der Landwirtschaft oder die gemeinschaftliche Nutzung von Waschmaschinen in Mietshäusern) oder gemeinsame Nutzung und gemeinschaftliches Eigentum zur Lebensform gehört (Hippie-Kommunen, alternative Projekte, zum Teil auch Wohngemeinschaften). 

(2) Quelle: https://carsharing.de/alles-ueber-carsharing/carsharing-zahlen/aktuelle-zahlen-daten-zum-carsharing-deutschland

(3) Quelle: http://www.couchsurfing.com/about/about-us/

(4) Quelle: http://www.leuphana.de/news/meldungen/titelstories/2013/sharing-economy.html

(5) Vgl. Matthias Hohensee: Airbnb - Vom Zimmervermittler zum Städteführer. In: Wirtschaftswoche, 23.12.2016

(6) Reinhard Loske: Sharing Economy: Gutes Teilen, schlechtes Teilen? In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2015, S. 92

Literatur und Links:

Indra Jungblut: Sharing is Caring – liegt die Zukunft im kollektiven Konsum?

Gerd Scholl / Maike Gossen / Magnus Grubbe / Tanja Brumbauer: Alternative Nutzungskonzepte – Sharing, Leasing und Wiederverwendung. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), o.O. 2013 

Kristin Leismann / Martina Schmitt / Holger Rohn / Carolin Baedeker: Nutzen statt Besitzen. Auf dem Weg zu einer ressourcenschonenden Konsumkultur. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2012 

Sharing-Plattformen im Internet:

http://www.lets-share.de/

http://www.shareable.net/