Suffizienz: mehr Lebensqualität statt Güterquantität

Wenn ständiges Wachstum, ein immer Mehr an Produkten und Dienstleistungen, nicht der Weg zum "guten Leben" ist, sondern eher der Garant für die Verwüstung des Planeten, dann stellt sich die Frage nach den Alternativen. Die Hoffnung auf mehr Effizienz scheint da nur bedingt weiter zu helfen: Die Erfahrung zeigt, dass die sogenannten "Rebound-Effekte" Effizienzgewinne schnell wieder auffressen(1). Kann die Lösung also nur heißen: Konsumverzicht?

Aber: gutes Leben und Verzicht - ist das nicht ein Widerspruch in sich? Und zu befürchten ist, dass der Ruf nach Verzicht eher wenig Überzeugungskraft entfalten wird. Ganz abgesehen davon, dass sich ein solcher Verzicht-Diskurs ohnehin nur auf die reichen, die entwickelten Staaten des Nordens beziehen könnte. Dort, wo immer noch Hunger und Unterentwicklung (vor-) herrscht, wirkt eine Forderung nach Verzicht nur zynisch und als Fortsetzung kolonialistischer Ausbeutung mit anderen Mitteln.

Es kann also nur darum gehen, ein deutliches Weniger an Material- und Energieverbrauch, an Ressourcennutzung zu verbinden mit einem gleichzeitigen Mehr an Lebensqualität. Das Zauberwort für diese Kombination heißt "Suffizienz". Suffizienz darf dabei nicht als Kargheit oder gar Mangel verstanden werden, sondern als das "rechte Maß" auf dem Weg zum guten Leben. "Suffizienz bevorzugt das Optimum vor dem Maximum"(2), wie es Manfred Linz, einer der wichtigsten Vertreter des Suffizienz-Gedankens in Deutschland ausdrückt. Wer von Suffizienz spricht, dem geht es also nicht in erster Linie um den Verzicht, sondern um ein ausgewogenes Verhältnis von materiellem Wohlstand und immateriellen Gütern. Zur Suffizienz gehören deshalb notwendigerweise nicht nur ausreichend Güter zur Befriedigung materieller Bedürfnisse, sondern unbedingt auch "Zeitwohlstand" und geglückte soziale Beziehungen. Wie die Glücksforschung nachdrücklich bestätigt, sind es eben nicht die materiellen Güter, die ein gutes Leben garantieren. Niko Paech drückt es so aus: "Suffizienz heißt, wenige Dinge intensiv zu genießen, statt sich mit so vielen Dingen zu umgeben, dass kein Genuss mehr möglich ist."(3)

Dennoch: So überzeugend und einleuchtend das Suffizienz-Konzept klingt, wird es doch eines immensen Kulturwandels bedürfen, um es auf breiter Front umzusetzen. Das Paradoxe ist, dass es modernen Gesellschaften offenbar sehr schwer fällt, das Einfache umzusetzen. Zu eingefahren sind die Konsumgewohnheiten, zu stetig die Berieselung mit allen möglichen Konsumanreizen. Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit und Stress bestimmen oft genug den Alltag und verhindern die Konzentration und den Genuss des Wesentlichen. Aber kaum etwas ist schwieriger als Alltagsroutinen neu auszurichten.

Deshalb gilt: Obwohl ein suffizienter Lebensstil in vieler Hinsicht eine individuelle Rückbesinnung auf die "Kunst des genussvollen Unterlassens" (Paech) erfordert, kann und muss dieses Umdenken, dieser Kulturwandel politisch flankiert werden. Pointiert gesagt: Wer will, dass nicht mehr so viel mit dem Auto gefahren wird, muss für entsprechend attraktive Alternativen im Radverkehr und bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sorgen. Und wer will, dass sich die Menschen gesund ernähren, muss Massentierhaltung verbieten und für die Rahmenbedingungen einer umfassenden Öko-Landwirtschaft sorgen. Um nur zwei Beispiele anzuführen (4).

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Anmerkungen und Literaturhinweise

(1) Vgl. ausführlich: Tilman Santarius: Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz. Wuppertal 2012

(2) Manfred Linz: Ohne sie reicht es nicht. Zur Notwendigkeit von Suffizienz. In: politische ökologie 135, S. 24

(3) Niko Paech: Lob der Reduktion. Maßvolle Lebensstile. In: politische ökologie 135, S. 21

(4) Zum Weiterlesen:

Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz. politische ökologie Nr. 135/2013

Manfred Linz: Suffizienz als politische Praxis Ein Katalog. Wuppertal 2015

Manfred Linz: Was wird dann aus der Wirtschaft? Über Suffizienz, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Wuppertal 2006

Manfred Linz: Weder Mangel noch Übermaß. Über Suffizienz und Suffizienzforschung. Wuppertal 2004

Michael Kopatz: Die soziale-kulturelle Transformation. In: Wolfram Huncke / Jürgen Kerwer / Angelika Röming (Hg.) Wege in die Nachhaltigkeit Die Rolle von Medien, Politik und Wirtschaft bei der Gestaltung unserer Zukunft. Wiesbaden 2013, S.155-191

Uwe Schneidewind / Angelika Zahrnt: Jenseits der Steigerungslogik. Politische Weichenstellungen. In. politische ökologie 135, S. 115-121

Wolfgang Sachs: Suffizienz. Umrisse einer Ökonomie des Genug. Wuppertal 2016

Landkarte Suffizienzpolitik: Die Landkarte Suffizienzpolitik regt die Zusammenarbeit von wachstumskritischen und umweltpolitischen Akteuren an und unterstützt sie konzeptionell und praktisch. Mit der Landkarte möchten die Autor*innen einen Impuls geben, noch aktiver als bisher in der Gesellschaft über Werte, Lebensstile und politischen Rahmenbedingungen zu diskutieren und erfolgreiche Ansätze auch in der Breite umzusetzen. Siehe auch: Angelika Zahrnt: Von der Postwachstumsgesellschaft zur Suffizienzpolitik. Blog Postwachstum, 30. August 2016