Wenn "gutes Leben", dann nur global!

„Brot für die Welt – aber die Wurst bleibt hier!“ – so ironisierte ein Spruch aus den siebziger Jahren die damalige Entwicklungshilfe und die gewaltige Wohlstandskluft zwischen den reichen Ländern des industrialisierten Nordens und den armen und ärmsten Staaten auf der Südhalbkugel. Und trotz aller Fortschritte in den sogenannten „Schwellenländern“ im Gefolge der globalisierten Wirtschaftsbeziehungen: Etwas Grundsätzliches hat sich an diesen Verhältnissen nicht geändert. Wer es also mit der Forderung nach einem guten Leben für alle ernst meint, wird sich mit der Frage der gerechten Verteilung des irdischen Reichtums auseinandersetzen müssen. Und zwar: weltweit!

Zumindest als Ziel sieht dies die Weltgemeinschaft mittlerweile auch. Denn in den von der UN verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitszielen – „sustainable development goals“ (SDG) – ist diese Orientierung erkennbar(1) . Zwar muss man, was die Verbindlichkeit und auch die innere Logik solcher Vereinbarungen angeht, skeptisch sein. Schon die Vorgänger-Vereinbarungen, die Agenda 21 und die Millenniumsziele, waren mehr oder weniger unverbindliche Absichtserklärungen, die zudem eigentlich unvereinbare Ziele (Wachstum und Nachhaltigkeit…) unter einen Hut zu bringen versuchten. Aber immerhin: Die SDGs lassen erkennen, dass das „gute Leben“ weltweit für alle angestrebt werden soll. Und dies ist mit Sicherheit ein Fortschritt und eine Basis für weitergehende politische Initiativen (2).

Doch wenn die hehren Ziele der SDGs auch nur ansatzweise erreicht werden sollen, ist ein ungeschminkter Blick auf die Realität erste Voraussetzung. Und dieser Blick zeigt: Die reichen Länder des Nordens haben die Macht (und nutzen diese auch!), die Kosten der eigenen Lebensführung auf periphere Weltregionen abzuwälzen und diese auszubeuten. Ihr Reichtum, ihr Wohlstand geht auf Kosten und zu Lasten anderer, eben der armen Länder des Südens. Und das schon sehr, sehr lange. Von den allerersten Anfängen der Kolonialisierung über die Hochzeiten der imperialistischen Aufteilung der Welt bis hin zu den globalisierten Ausbeutungs- und Handelsbeziehungen heute zieht sich ein roter Faden: die einen – der industrialisierte Norden nämlich – gewinnen, die anderen - jene auf der Südhalbkugel –  verlieren. So „einfach“ ist das. Und die Belege für diese einfache Wahrheit können zu Dutzenden geliefert werden. Die Ungleichheitsforschung tut das, ihre Ergebnisse jedoch werden weithin ignoriert, bleiben jedenfalls politisch folgenlos. In dieser Hinsicht sind „unsere“ Verdrängungsleistungen enorm. Einige wenige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

- Der exorbitante Fleischkonsum in Europa und den USA funktioniert nur, weil die für die Massentierhaltung notwendigen Futtermittel, Soja vor allem, importiert werden können: aus Brasilien, Paraguay und Argentinien, wo der mit Giftspritze und Gentechnik „optimierte“ Sojaanbau als Wirtschaftsfaktor längst die traditionelle Viehzucht verdrängt und ganz „nebenbei“ auch zu umfangreichen Waldrodungen geführt hat.(3)
- Indonesien und Malaysia decken vier Fünftel des Weltbedarfs an Palmöl. Die anbauflächen in diesen Ländern wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten verzehnfacht. Kostbarster Regenwald fiel der Brandrodung zum Opfer, der Lebensraum vieler Tierarten wurde zerstört, die Biodiversität gefährdet – und Unmengen von CO2 freigesetzt.(4)
- Die Nachfrage nach Sand (v.a. aus der Bau-, Mineral- und Frackingindustrie) erschöpft die globalen Vorkommen und führt zu irreparablen Umweltschäden, wie z.B. der Erosion an Küsten und Flussufern.(5)
- Verbrecherische Katastrophen wie die Verwüstung und Vergiftung eines ganzen Landstrichs durch schwermetallhaltige Schlämme wie beim Dammbruch des Rio Doce in Brasilien sorgen (wenn überhaupt) nur für kurzzeitige Aufregung.(6)

Stephan Lessenich hat solche und viele andere Beispiele zusammengetragen und kommt zu dem Schluss: „wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer.“(7) Bezogen auf unser Thema heißt das: „Wir leben gut, weil andere schlechter leben. Wir leben gut, weil wir von anderen leben – von dem, was andere leisten und erleiden, tun und erdulden, tragen und ertragen müssen.“ (8) Unsere Lebensweise, so die Erkenntnis der Betriebswirtschaftlerin Evi Hartmann, wäre nicht möglich, wenn nicht anders wo Menschen regelrechte Sklavenarbeit leisten würden:  Ich „trage Kleidung, besitze ein Smartphone und fahre Auto. Das sind ungefähr 60 Sklaven, die derzeit für mich arbeiten, ob ich das möchte oder nicht.“(9)

Diese Erkenntnisse werden auch nicht grundsätzlich von neueren Entwicklungen in Frage gestellt: von zunehmenden Ungleichheiten nämlich, die auch in den Staaten des industrialisierten Nordens für viele arme Menschen sorgen. Und durch ein partielles Aufholen allerdings relativ schmaler Mittel- und Oberschichten im Süden.  Diese Überlagerung von nationalen und globalen Ungleichheitsstrukturen und die sich daraus ergebenden, sich allzu oft widersprechenden Interessenkonstellationen machen es allenfalls schwieriger, politisch-strategische Ansatzpunkte für eine systemisch-strukturelle Veränderung zu finden.

Was "systemisch-strukturell" heißt, kann in unserem Zusammenhang nur mit einigen Stichworten angedeutet werden:
- eine konsequente Politik der Umverteilung, und zwar sowohl im reichen industrialisierten Norden wie auch im armen Süden;
- ein tatsächlich faires Welthandelsregime, das mit den bisherigen „terms of trade“, die die systematische Privilegierung des industrialisierten Nordens absichern, radikal bricht;
- eine effektive Besteuerung weltweiter Finanztransaktionen, wobei die seit langem geforderte „Tobin-Steuer“ das absolute Minimum darstellen dürfte;
- und natürlich ein Umbau der reichen Volkswirtschaften im Sinne einer solidarischen Postwachstumsökonomie.

Dass solche systemstrukturellen Veränderungen nur dann wirklich durchsetzbar sein werden, wenn sie von individuellen Veränderungen der Konsum- und Lebensweisen hierzulande begleitet, ja vielleicht sogar angestoßen werden, dürfte klar sein. Auch wenn man die Reichweite und Wirksamkeit „konsumethischen Avantgardehandelns“ (Lessenich) nicht überschätzen sollte: Ohne die Bereitschaft, auch selbst mit individuellen Veränderungen der eigenen Gewohnheiten zum  globalen Wandel beizutragen, wird sich gar nichts ändern. Denn: „Wir selbst sind die Globalisierung, im Schlechten wie im Guten.“ (Evi Hartmann) (10)

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Anmerkungen und Literaturhinweise:

(1) Zu den SDGs vgl. die entsprechende Website der UN: https://sustainabledevelopment.un.org/post2015

(2) Vgl. Marianne Beisheim: 2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung: Mehr als eine Liste frommer Wünsche. SWP - Kurz gesagt, 24.09.2015 (Online: http://www.swp-berlin.org/publikationen/kurz-gesagt/2030-agenda-fuer-nachhaltige-entwicklung-mehr-als-eine-liste-frommer-wuensche.html

(3) Vgl. dazu z.B.  Heinrich-Böll-Stiftung / Bund für Umwelt- und Naturschutz / Le Monde diplomatique (Hrsg.): Fleischatlas. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. Berlin 2014 (8. Auflage), S. 38ff.

(4) Vgl. http://www.forumpalmoel.org/de/ueber-palmoel/herausforderungen-im-palmoelanbau.html  und http://www.pro-regenwald.de/hg_palmoel

(5) Vgl. Kiran Pereira: Sand, ein knappes Gut. In: LE MONDE diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. Berlin 2015, S. 72-75

(6) Vgl. z.B. Bruce Douglas: Brazil's slow-motion environmental catastrophe unfolds. The Guardian, 13.11.2015 (Online: https://www.theguardian.com/business/2015/nov/13/brazils-slow-motion-environmental-catastrophe-unfolds

(7) Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Berlin 2016, S. 64

(8) Ebd., S. 25

(9) „Jeder von uns hält 60 Sklaven“. Interview mit Evi Hartmann. In: jetzt. 22.02.2016 (Online: http://www.jetzt.de/politik/interview-mit-einer-professorin-fuer-supply-management)

(10) Ausführlich: Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? - Über Globalisierung und Moral. Frankfurt/New York 2016