Digitalisierung: Gutes Leben ohne Arbeit?

Wie kaum eine andere technologische Entwicklung wird wohl die Digitalisierung unser zukünftiges Leben bestimmen. Und zwar nicht nur den täglichen Broterwerb – Stichwort: Arbeit 4.0 - , sondern unseren gesamten Alltag. Grund genug also zu fragen, ob die Digitalisierung auch einen Beitrag zum "guten Leben" leisten kann. Und welche Rahmenbedingungen dafür gegebenenfalls notwendig sind.

Zwei Szenarien können mit Blick auf die Digitalisierung unterschieden werden. Zunächst ein optimistisches, das die Potenziale und Chancen betont. Diese Sichtweise ist geprägt von einer weitgehend automatisierten Wirtschaft. Arbeit und Produktion werden von Maschinen und Algorithmen übernommen. Im „Internet der Dinge“ ist die Infrastruktur der Arbeitswelt fundamental verändert. Künstliche Intelligenz (KI), webbasierte Geschäftsmodelle, interaktive Leichtbau-Roboter und innovative Fertigungsmethoden (3D-Drucker mit rasanter Geschwindigkeit und höchster Qualität) sind hier als Stichworte zu nennen. So erscheint es möglich zu werden, alle Komponenten von Produktionsprozessen – von den Roh- und Betriebsstoffen über Maschinen, Arbeitende und Arbeitsprozesse bis hin zu Dienstleistungen – miteinander zu vernetzen.

Intelligente Maschinen sind natürlich effizienter und kostengünstiger. Über den Fertigungsroboter „Baxter“ schreiben Brynjolfsson und McAfee: "Er kann jeden Tag rund um die Uhr arbeiten und braucht weder Schlaf noch Mittags- oder Kaffeepause. Er verlangt auch keine Krankenversicherungsbeiträge von seinem Arbeitgeber und erhöht nicht die Personalkosten." (1) Und ganz bestimmt hat die Digitalisierung auch ein großes Potenzial, uns von belastenden und/oder monotonen Tätigkeiten (egal ob körperlich oder psychisch) zu entlasten. Das gilt nicht nur für die Produktion von Gütern, die klassische Fließbandarbeit etwa, sondern auch für Dienstleistungen: Lagerarbeiten, das Braten von Hamburgern, Fremdsprachenübersetzungen, um nur ein paar willkürliche Beispiele zu nennen. Wenn kräfteraubende und nervenzehrende Routinetätigkeiten von Maschinen übernommen werden, dann wird Raum geschaffen für Kreativität. Dies impliziert die Hoffnung, dass neue, interessante, anspruchsvolle Arbeitsplätze entstehen, die zudem die Flexibilitätsspielräume der Beschäftigten steigern. (2)

Die Digitalisierung wird aber auch im Alltag der Menschen tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen. Das selbstfahrende Auto ist schon heute in unmittelbarer Reichweite. Auch andere Geräte des Alltagslebens wie Heizungen, Beleuchtungssysteme, TV-Geräte, Waschmaschinen etc. werden miteinander vernetzt sein, kommunizieren. Und Einkaufen? Klar, per Knopfdruck oder Sprachassistentin und Drohne, kein Problem.

Gesamtwirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich wird sich diese Entwicklung – so die optimistische Perspektive – unter dem Strich im wahrsten Sinne des Wortes auszahlen: Die renommierte Unternehmungsberatung Roland Berger prognostiziert in einer 2016 veröffentlichten Studie eine zusätzliche Wertschöpfung von 425 Milliarden bis zum Jahr 2025 allein in Deutschland. Auch bei den Arbeitsplätzen sieht Roland Berger keinen Grund zur Besorgnis: Die "Fabrik der Zukunft" könne rund 10 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, davon allein rund sieben Millionen im Bereich Dienstleistungen und IT. Insgesamt sei mit einem positiven Effekt zu rechnen: Die neuen Arbeitsplätze würden die Arbeitsplatzverluste mehr als kompensieren. (3)

Doch damit wären wir schon beim zweiten Szenario, das die Gefahren und Risiken hervorhebt. Gerade hinsichtlich der Arbeitsplatzeffekte gibt es auch ganz andere Prognosen. Studien wie beispielsweise jene der Oxford Martin School (4) kommen zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der Arbeitsplätze in den USA durch Automatisierung mittelfristig verloren gehen könnte. In der Dimension vergleichbare Prognosen gibt es auch für Deutschland. Und für jene, die ihre Jobs nicht an Computer und Maschinen verloren haben, könnten die Aussichten auch ziemlich düster  sein (5): Schon heute berichten viele Beschäftigte von Arbeitsverdichtung und Multi-Tasking sowie einer Zunahme von Arbeitsstress durch neue, digitale Arbeitsmittel. Die Flexibilisierung von Arbeit führt gleichzeitig zu einer Verdichtung und Entgrenzung. Laptops oder Smartphones erlauben das Arbeiten von unterwegs und zu Hause. So verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer weiter. Die Beschäftigten sind so zudem ständig erreichbar. Und die Unternehmen erwarten immer stärker eine permanente Verfügbarkeit. Solche Tendenzen werden sich noch erheblich verschärfen, wenn im Rahmen fortschreitender Digitalisierung und Vernetzung jeder Tätigkeitsschritt gemessen, quantifiziert und gespeichert wird.

Zudem bietet das Arbeiten im Home-Office oder im Netz ("Crowd-Working") für die Unternehmen – jedenfalls unter den Vorzeichen gegenwärtiger Machtverhältnisse – die Möglichkeit, geltende Sozialstandards zu umgehen. Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen gelten nicht mehr,  Ansprüche auf Sozialversicherung gehen verloren, von Mitbestimmungsregeln ganz zu schweigen. (6) Was heute schon für manche Berufszweige möglich ist, könnte sich als Regel etablieren: Arbeit auf Abruf.

Und schließlich: Wenn alles mit allem, jeder mit jedem vernetzt ist, dann schließt das die Möglichkeit ein, alle Tätigkeitsvorgänge der Beschäftigten zu identifizieren, zurückzuverfolgen und zu kontrollieren. So entstehen riesige Datenmengen (Big Data), die erfasst, aufbereitet und ausgewertet werden. Wer hat die Macht über diese Daten und wie und für welche Zwecke werden sie verwendet? Wenn die Digitalisierung – jenseits der Frage der ökonomischen Effizienz – eine Bedeutung für eine gute Arbeitswelt, ein gutes Leben haben soll, dann muss die Datensicherheit und der Datenschutz ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Ansonsten besteht wirklich die Gefahr, dass Dystopien wie Orwells "1984" von der Realität bei weitem überholt werden. (7)

Ein Punkt, der in der Digitalisierungsdebatte – wenn überhaupt – nur am Rande vorkommt, soll hier noch hervorgehoben werden: die ökologische Dimension. Die Industrie 4.0 wird einen immensen Rohstoffbedarf haben (8). Und: Der Energieverbrauch für die Rechner-Leistung, die Grundlage jeglicher Digitalisierungsstrategie ist, wird enorm sein. Eine digitalisierte Produktion ist nämlich auf knappe Naturressourcen (v.a.: auf seltene Erden, aber auch Lithium und Kupfer) angewiesen. Die Nachfrage nach seltenen Erdmetallen mit stark magnetischen Eigenschaften (Indium, Hafnium, Terbium, Neodym) ist bereits weltweit explodiert. Was natürlich ökonomisch (Kostensteigerung!), ökologisch (Ressourcenverbrauch!) und sozial (Arbeitsbedingungen bei der Rohstoffgewinnung!) negative Folgen haben wird.

Industrie 4.0 ist derzeit noch eine Vision, von der der Status quo noch einigermaßen weit entfernt ist. Das hat auch einen Vorteil: den der noch vorhandenen Gestaltbarkeit. Die beiden – hier nur sehr grob skizzierten – Szenarien machen deutlich: Die Perspektiven der Digitalisierung sind (noch) offen. Damit die positiven Optionen (Entlastung von schweren und monotonen Tätigkeiten, Arbeitszeitverkürzung, mehr Zeit für kreative Tätigkeiten und Eigenarbeit usw.) zum Zuge kommen, wäre zumindest zweierlei notwendig: ein breiter gesellschaftlicher Diskurs über den erstrebenswerten und sinnvollen Einsatz der digitalen Technologien. Und die Bereitschaft zu regulierenden Eingriffen des Staates. Denn wenn die Strategien der Digitalisierung allein an den Interessen der Wirtschaft orientiert werden, steht zu befürchten, dass von den Perspektiven eines "guten Lebens für alle", die sich doch ebenfalls bietet, kaum etwas zu retten sein wird. Denn: „Um den 'Faktor Mensch' nicht zum bloßen Anhängsel hochtechnologischer Produktion werden zu lassen, bedarf es einer radikalen Demokratisierung von Entscheidungen über Produktion, sinnvolle Arbeit und soziale Reproduktion.“ (9)

 

 

Anmerkungen:

(2) Es sind jedoch auch durchaus anspruchsvolle Arbeitsplätze durch KI und Digitalisierung bedroht: zum Beispiel die von Journalist*innen. Siehe: Bernd Graff: Kisch 2.0? In: SZ vom 27.3.2018, S. 13

(3) Roland Berger GmbH: The Industrie 4.0. transition quantified. München 2016, S. 17
Ob diese Hoffnungen auf eine durch die Digitalisierung eingeleitete neue Phase ökonomischer Prosperität gerechtfertigt sind, lässt sich aber mit guten Gründen bezweifeln (vgl. Dörre 2016, S. 2f.). Und ob sie ökologisch wünschenswert wäre, steht noch auf einem ganz anderen Blatt.

(4) Vgl. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne: The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? Oxford 2013 

(5) Vgl. zum Folgenden z.B. Hoffmann/Suchy 2016, S. 17ff.

(6) Vgl. als Beispiel "Amazon Mechanical Turk". Siehe Laura Meschede: Die Mensch-Maschine. In: Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 12 vom 23.3.2018, S. 12-19

(7) Einen riesigen "Feldversuch" in dieser Richtung erleben wir derzeit in China, wo der Traum aller autoritären Herrscher mit Hilfe von Big Data umgesetzt werden könnte: die totale Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung. Vgl. Kai Strittmatter: Augen auf. In: Süddeutsche Zeitung, 2.2.2018, S.3 und Andreas Landwehr: China schafft digitales Punktesystem für den "besseren" Menschen. heise online, 1.3.2018

(8) Vgl. BDI: Digitalisierung erhöht Handlungsbedarf bei der Rohstoffsicherung, 11.7.2016 

(9) Dörre 2016, S. 10

 

Hinweise zum Weiterlesen:

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Grünbuch Arbeiten 4.0, Berlin 2015 

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Digitalisierung der Arbeitswelt. Werkheft 01. Berlin 2016 

Bundesministerium für Arbeit und Soziales : Portal zum Thema Arbeit 4.0

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Hrsg.): Industrie 4.0. Innovationen für die Produktion von morgen. Berlin 2017

Bundesministerien für Wirtschaft und Energie/Bundesministerium für Bildung und Forschung: Plattform Industrie 4.0  

Klaus Dörre: Industrie 4.0. Neue Prosperität oder Vertiefung gesellschaftlicher Spaltungen? Sechs Thesen zur Diskussion, Working Paper der DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften, Nr. 02/2016, Jena 2016 

Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): digital is okay! – Chancen und Risiken des Wandels. Böll.Thema 1/2018 

Reiner Hoffmann/Oliver Suchy: Aussichten für die Arbeit der Zukunft. Working Paper Forschungsförderung, Nummer 013, Mai 2016. Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2016

Peter Ittermann/Jonathan Niehaus/Hartmut Hirsch-Kreinsen: Arbeiten in der Industrie 4.0. Trendbestimmungen und arbeitspolitische Handlungsfelder. Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2015 

Ingo Matuschek: Industrie 4.0, Arbeit 4.0 – Gesellschaft 4.0? Eine Literaturstudie. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2016

OXI Redaktion: Osteuropa und China holen auf: Weltweit immer mehr Roboter in der Fertigung im Einsatz. OXI Blog, 08.02.2018 

Ulrich Sendler: Die Chancen von Industrie 4.0. Vernetzung und Durchgängigkeit als Faktoren einer erfolgreichen Industriepolitik. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2016 

Patrick Stary (Hrsg.): Digitalisierung der Arbeit. Arbeit 4.0, Sharing Economy und Plattform-Kooperativismus. Rosa Luxemburg Stiftung, Manuskripte Neue Folge 18, Berlin 2016