Impressionen von der internationalen "Buen Vivir"-Konferenz in München

Die internationale Buen Vivir-Konferenz, die das Referat für Umwelt und Gesundheit der Landeshauptstadt München am 26. und 27. Juni veranstaltet hat, war beeindruckend, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen wegen der Vielzahl der namhaften Referent*innen , auch und gerade aus den Buen-Vivir-Ländern Ecuador und Bolivien. Zum anderen wegen der zahlreichen Teilnehmenden, unter denen sich auch erfreulich viele jüngere Menschen befanden. Der Eindruck, den man schon beim Kongress in Wien gewinnen konnte, bestätigte sich. Das "gute Leben" und vor allem: die Wege dorthin - das ist ein Thema, das die junge Generation bewegt.

Die Beiträge der Referent*innen aus Lateinamerika, Esperanza Martinez und Felix Santi, machten aber deutlich, dass es auch dort kein "einheitliches" Buen-Vivir-Konzept gibt. In der Version der jeweiligen Regierungen handelt es sich immer noch um Konzepte, die primär auf Umverteilung abzielen und am Wachstum festhalten ("Sozialismus des 21. Jahrhunderts"). Die indigenen Buen-Vivir-Vorstellungen gehen dagegen von den Grundsätzen der Harmonie, der Autonomie und der Selbständigkeit aus. Sie verstehen sich als ein "Leitfaden", als ein innovativer Vorschlag für die zukünftigen Generationen.

Alberto Acosta, ehemaliger Minister in Ecuador, betonte, das Konzept des Buen Vivir sei eine Idee des globalen Südens. Dass es in einer "Zivilisationskrise", in der die Menschheit an einem Scheideweg steht, diskutiert und nach seiner Übertragbarkeit werde, ist deshalb durchaus verständlich. Wenn aber die Bundesregierung nach dem "guten Leben" frage und Kanzlerin Merkel gleichzeitig darauf hinweise, dass damit gemeint sei, Deutschland solle so bleiben wie es war, dann müsse darauf geantwortet werden: "Das wollen wir nicht!" Acosta betonte nachdrücklich, nicht die Länder des globalen Süden müssten sich "entwickeln", das Konzept der "Entwicklung" müsse vielmehr in Frage gestellt werden. Und: Es seien die "entwickelten" Länder, die sich verändern müssten. Auch Acosta wies sehr deutlich darauf hin, dass das Buen-Vivir-Konzept keine Modelle, keine Rezepte, keine Patentlösungen und schon gar kein universelles Entwicklungsmodell biete. Es gehe vielmehr darum, das Leben der Menschen in Harmonie zu gestalten - in der Gemeinschaft wie mit der Natur. Aus diesem Grundsatz sind jedoch sehr konkrete politische Forderungen abzuleiten. Zum Beispiel dürfe Wasser (und das gelte auch für andere Gemeingüter) keinesfalls privatisiert werden. Und für die fossilen Rohstoffe seien Obergrenzen festzusetzen. Kooperation und Solidarität sind laut Acosta die Leitwerte des Buen Vivir, ökologische und soziale Gerechtigkeit bedingen einander, das eine sei ohne das andere nicht zu haben.

Stephan Lessenich und Ulrich Brand beleuchteten das Problem aus europäischer Perspektive. Übereinstimmend betonten sie, dass nur eine Überwindung der herrschenden Produktions- und Lebensweise ein "gutes Leben" ermöglichen und das Leben auf Kosten anderer, eben auf Kosten des globalen Südens, beenden könne. Lessenich wies aber nachdrücklich darauf hin, dass die existierenden "Weltungleichheitsverhältnisse" nicht dazu führen dürften, die Menschheit in Opfer und Täter aufzuteilen. Vielmehr gehe es darum die strukturellen Bedingungen zu verändern, in denen die Menschen handeln. Die "Externalisierung" der ökologischen und sozialen Kosten unserer Lebensweise sei dabei ein wesentliches Element, um eben diese Lebensweise zu stabilisieren. Dies gelte auch für das Bewusstsein der Menschen im globalen Norden: Der eigene Anteil an den Externalisierungsverhältnissen werde verdrängt.

Brand und Lessenich waren sich auch darin einig, dass eine Veränderung dieser Verhältnisse nur kollektiv möglich sei, auch wenn natürlich jeder und jede Veränderungen im eigenen Verhalten anstreben solle. Lessenich plädierte für einen "kollektiven Verzicht", über dessen Gestaltung ein politischer Diskurs in Gang gesetzt werden müsse. Ulrich Brand warnte vor der Illusion, Technologie und "grüner Konsumentismus" könne ein Lösungsweg aus der "imperialen Lebensweise" der Gegenwart sein. Vielmehr sei der Staat gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Hinweise und Links

Kongress-Dokumentation auf der Homepage der Landeshauptstadt München

Podcast auf Radio München: "Buen Vivir - Die Idee des guten Lebens nach München geholt"

Zusammenfassung der vom Amerika-Haus mitveranstalteten Workshops

Alberto Acosta: Buen vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben. München 2015

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Berlin 2016

Ulrich Brand / Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München 2017

Aktuell wie nie: Was heißt eigentlich "gutes Leben"?

Wenn die Zahl von Zeitungsartikeln zu einem Thema ein einigermaßen signifikanter Hinweis auf die Aktualität ist, dann gilt das für die Frage, was denn "gutes Leben" eigentlich sei, mit einiger Sicherheit. Die SZ, die TAZ, die ZEIT und noch einige andere haben dieses Thema aufgegriffen.

Dass eine solche Debatte in einem der reichsten Länder auf diesem Erdball entbrennt, zeigt vor allem eines: die Unsicherheit, ob der materielle Reichtum, den "wir" angehäuft haben, ein gutes Leben wirklich gewährleistet. Ob ein immer Mehr und immer Größer wirklich zu echten Verbesserungen der Lebensqualität führt. Damit haben die Wachstumskritik und die Diskussion, wie eine "Postwachstumsgesellschaft" aussehen könnte, die Ecke der angeblich weltfremden und etwas abseitigen Öko-Freaks endgültig verlassen und sind in den "Mainstream" gesellschaftlicher und politischer Kontroversen vorgedrungen.

Natürlich hat diese Mainstream-Debatte immer noch erhebliche Defizite: Sie kreist häufig noch um die Frage der Verteilung und bleibt so weiterhin dem Materiellen verhaftet (was beileibe nicht heißen soll, die Verteilungsfrage sei unwichtig!). Und sie bleibt allzu oft auf die deutsche Perspektive (oder zumindest die Perspektive der reichen Industrieländer des Nordens) beschränkt und verliert die Frage globaler Gerechtigkeit allzu schnell aus dem Auge.

Dennoch: Diese Debatte(1) weiterzuführen, sie zu intensivieren und um vernachlässigte Aspekte zu bereichern, erscheint uns so lohnend, dass wir ein eigenständiges Themenportal dafür einrichten. Dieses Portal ist "work in progress", es soll wachsen und laufend erweitert werden. Und wir laden alle Interessierten dazu ein, sich an diesem Prozess zu beteiligen: mit eigenen Beiträgen, mit Hinweisen und Vorschlägen. Zum Beispiel für unsere Rubrik "Orte guten Lebens", in der wir Projekte unterschiedlichster Art vorstellen wollen, die sich schon heute und ganz konkret der Umsetzung dessen widmen, was "gutes Leben" sein kann.

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(1) Natürlich betreten wir damit nicht völliges "Neuland", sondern können uns auf vielerlei Vorarbeiten beziehen, wie sie z.B. im Kongress "Gutes leben für alle" (2015 in Wien) geleistet wurden.